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Biografie

Texte - Linda Karshan
Matthias Bärmann - august form 2002

„Wenn Einer sagt ‘Ich habe einen Körper’, so kann man ihn fragen ‘Wer spricht hier mit diesem Munde?’“
(Ludwig Wittgenstein, ‘Über Gewissheit’, § 244)

„Zwei gehende Füsse“.
(Alberto Giacometti, auf die Frage von André Breton nach seinem Atelier)

Das Londoner Studio von Linda Karshan, ein gutes Stück entfernt von ihrem Apartment gelegen, ist ein großer und hoher Raum, gut proportioniert (nach Maßangaben von Ad Reinhardt) und fast leer. Der Boden ist dunkel. An den großflächigen weißen Wänden können die entstandenen Zeichnungen bei Bedarf leicht befestigt werden, um im Kontext gesehen zu werden. Ein flaches Regal in einer Ecke des Raumes bietet genügend Platz für einige Stapel von Arbeiten. Der freistehende Zeichentisch ist mit Graphitstaub bedeckt. Die Akustik des Raums lässt die gesprochenen Wörter und Sätze leicht und prägnant im Raum stehen wie Atemwolken vor dem Mund in klarer, sehr kalter Luft.

Linda Karshans zweites Studio befindet sich in den USA, Bundesstaat Connecticut, in einer ländlichen Gegend. Hier verbringt sie seit einigen Jahren regelmäßig die Sommermonate. Die Seen von Connecticut. Linda Karshan ist, von Kindheit an, eine passionierte und ausdauernde Schwimmerin. Die rhythmisch Zug um Zug aufeinander folgenden Bewegungen. Die Arm- und Beinzüge, mit dem Ein- und Ausatmen synchron. Mit dem Herzschlag. Das Eintauchen in das andere Element, dem der Körper sich anvertraut, indem dieses ihm seine Schwere nimmt. Das Körper und Geist einhüllt und schweben lässt, auf Zeit.

Linda Karshans Zeichnen braucht das Studio als den Ort, wo es sich auf dem Papier manifestiert. Zeichnen ist aber latent immer gegenwärtig. Als rhythmischer Prozess, weit verzweigt und tief in ihrer Lebensgestalt verwurzelt. Eine Choreographie von Lebensprozessen, angefangen bei den elementarsten des Körpers bis hin zu jenen von Bewusstsein und Geist.

Über die Zeichnungen von Linda Karshan zu sprechen oder zu schreiben kann eigentlich nur heißen, ihren Entstehungsprozess zu beschreiben. Nicht aber als Entstehungsprozess von etwas, was dann später die Zeichnung ist. Die Zeichnung vielmehr selbst als den Prozess ihrer Entstehung beschreiben.

Noch bevor sie ihr Studio betritt, beginnt Linda Karshan zu zählen, in repetitiven und rhythmischen Sequenzen von unterschiedlicher Länge, jeweils 2, 4, 8 oder 16 Zähleinheiten. Oder auch einfach nur 1. Der Rhythmus setzt sich fort im Studio, artikuliert sich im Gehen, erfasst Beine, Arme, den ganzen Körper. Dieser Rhythmus mit seiner Energie ist ein Subjekt des Zeichnens wie die Zeichnerin selbst. Er hält sich aus eigener Kraft durch, Linda Karshan folgt ihm mit ihren zeichnerischen Impulsen, mit ihren „marks“. Innerhalb einer Zeichnung kann sich der Rhythmus beschleunigen und verlangsamen, längere und kürzere Perioden überspannen.

Etymologisch bezeichnet „Mark“, „Markierung“ die Grenze, Grenzgebiet, Grenzlinie. Linda Karshan arbeitet mit der Grenztopographie. Sie überschreitet ihre innere Grenze nicht. Sie bewegt sich im Zeichnen stets an und mit der Grenze. Eine gleitende Grenze.

Linda Karshan, eigentlich Linkshänderin, zeichnet stets mit der rechten, ihrer „falschen“ Hand. Den Stift hält sie senkrecht in der Faust. In der Vertikalachse der Schwerkraft. Den Intentionen des Willens und einer beständig nur sich selbst reproduzierenden Ego-Routine entzogen, so tun es auch die ostasiatischen Kalligraphen. Im Pulsieren der transformierten Energien kann es vorkommen, dass der Graphitstift bricht. In der Intensität ist Linda Karshans Zeichnen ein skulpturaler Akt, sie spricht von ihren Arbeiten als „carved out“. Das bevorzugte starke Papier bietet dem Graphit Widerstand, die Reibung erzeugt Geräusch: sound on paper. Zeichnen, „to follow the sound“. Noch Jahre später kann Linda Karshan sich den spezifischen Sound einer bestimmten Zeichnung deutlich und unverwechselbar vergegenwärtigen, ebenso das konkrete Körpergefühl während des Entstehens.

Der Ausgangspunkt für eine Zeichnung, da, wo der Rhythmus zum ersten Mal mit dem Papier in Berührung kommt, bestimmt sich genau und intuitiv. Von dort aus setzen sich die „marks“ weiter fort, mit der Unwiderstehlichkeit von Wasserringen, wenn ein Stein in die stille Oberfläche eines Sees gefallen ist. Entscheidungen gibt es nicht.
„I have no choice“. („Die Wahl zu haben“, so der amerikanische Autor Don DeLillo,
„ist eine subtile Form von Krankheit“). Die rhythmischen Impulse der „marks“, synchron mit den Sequenzen des Zählens, gehen über die Ränder des auf dem Zeichentisch liegenden Blattes hinaus. Sie setzen sich kurz auf der Tischfläche fort, jetzt mit anderem Sound, und kehren mit der nächsten Sequenz wieder auf das Papier zurück. Dazwischen wird das Blatt immer wieder gedreht, die zeichnerischen Interventionen erfolgen sukzessive von allen Seiten.

Ein Kontinuum, ohne Unterbrechung, ohne Neuansetzen im Prozess. Wohl aber, unter Umständen, mehrere Passagen, in deren Abfolge die Strukturen sich stabilisieren. Die Muster, die sich herausbilden, parallele Linien, häufig auch orthogonale, gitterartige Strukturen, sind nicht intendiert, sondern ergeben sich. Mit unzähligen minimalen Irregularitäten innerhalb der geometrischen Grundmuster: so wird die Zeichnung mit Energie und Lebendigkeit aufgeladen. Der Kernaspekt von Linda Karshans Zeichnen liegt nicht in der Form, vielmehr im Rhythmus, im Tanz, der sich zwischen dem Körper und dem Blatt Papier ereignet. Aus einem Zustand heraus, der nur paradox beschrieben werden kann: konzentriert und selbstvergessen, wach, „aware“ - „but not too much“.

Karshans Zeichnen bringt Zeit hervor, erfahrene, gestaltete Zeit. Jeder „mark“ auf dem Blatt ist ein konkretes Äquivalent von Zeit, Niederschlag eines bestimmten Augenblicks und dessen einmaliger energetischer Signatur. Anfang und Ende sind in den Strukturen gelöscht. Die einzelnen Impulse stehen im Wechselspiel mit der einen umfassenden Bewegung, die aufgeht in einen Zustand reiner Präsenz. Realisiert ist auf diese Weise das präzise Protokoll, das „Portrait“ eines bestimmten Zustandes zu einer bestimmten Zeit. Zum Beispiel an diesem Augusttag 2002, im Studio in Connecticut. August forms. Self-Portraits.

„A surrendering of the conscious mind, allowing the body to take over“ (Christof Koch und Francis Crick in einer Studie zu bewusstseins-unabhängigen neuronalen Systemen). Ein Pakt mit dem Körper. Der Körper, eine Fähre, die sich selbst übersetzt.

Die Präsenz des Körpers. Manche Arbeiten von Anfang der 90er Jahre lassen an Membranen denken, an Haut. Der weitere Weg geht tiefer, führt zu Knochenstrukturen, zur Wirbelsäule mit den abzweigenden Rippen, und weiter zu den orthogonalen Gittern. In ihnen ist die Leiblichkeit aber noch deutlich gegenwärtig. Die Intelligenz des Körpers, seiner elementaren Basissysteme auf zellulärer Ebene. Ihre Fähigkeit zur Autopoiese, zur Selbstorganisation muss auf der Ebene des Bewusstseins, im Prozess des Zeichnens, erst erworben werden.

Dazu braucht es die Entschiedenheit und Disziplin einer Kriegerin. Tägliche Übung und Praxis, streng eingehaltene Rituale, förmliche Exerzitien. „Drawing my being.“ Wenn Körper und Geist zu Instrumenten geworden sind, wach und durchlässig, dann können sich in den einfachsten Formen die feinsten und komplexesten Regungen und Nuancen abzeichnen. Nicht Handeln aus Denken und Konzept. Handeln aus Einsicht, spontan, intuitiv. Und gerade deswegen: klar strukturiert. Die Passagen durch die Auflösung des Ego führen zur Persönlichkeit, der Durchgang durch Chaos springt in einen neuen Zustand von Ordnung. Menschliche oder geometrische Form? Ordnung oder Chaos? Ist beim Blick ins Freie das Fensterkreuz die Ordnung und sind die vorbeiziehenden Wolken das Chaos? Fensterkreuz und Wolken sind in Linda Karshans Zeichnungen in eins zusammengezogen. Daher der Blick ins Freie.

Indem sie den Rhythmen des Zählens folgt, strukturiert Linda Karshan ihr Material. Das Auge ist der „guide“. Das Speichergedächtnis des Menschen, der Körper, wird freigetanzt. Zugleich ist die Vertiefung in serielle Rhythmen eine universale Trance-Technik. Selbstverlust bei hellwachem Bewusstsein. Bei Bewusstsein, aber nicht von etwas: offenes, präzises Gewahrsein. Genaue Intuition. Disziplin und Anarchie.
„To live outside the law you must be honest“ (Bob Dylan).

In den Linien und Mustern vibriert eine enorme Energie. Linda Karshans Zeichnungen spannen ein Gleichgewicht aus, das immer wieder aufs Neue erstritten ist. Dem Abweichung und Verletzlichkeit inhärent sind. Oft stehen die gezeichneten Strukturen leicht nach rechts geneigt auf dem Blatt. Innerhalb von Serien meist mit nur minimalen Differenzen. Ein Segelschiff liegt immer schräg im Wind, seinem Druck. Um im Vortrieb zu bleiben. Im Offenen zu navigieren.


 
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